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... und mein Leben danach
Ein Rückblick aus dem Juni 2004


Vor kurzem erreichte mich eine Email von Thomas Terbeck, dem Verfasser des "Handbuch Fernwehs", ob er nicht einen Teil meines Danach-Tagebuchs in der neuesten Auflage des Handbuch Fernwehs abdrucken dürfe. Darf er. Außerdem bat er mich, doch noch einmal einen "abschließenden Rückblick" zu schreiben - seit dem letzten Eintrag ist ja doch schon einiges an Zeit vergangen. Das habe ich dann auch gemacht und der Bericht soll euch natürlich nicht vorenthalten werden.

23. Juni 2004

Es sind zwei Jahre seit meiner Rückkehr aus Brasilien, eineinhalb Jahre seit meinem letzten Tagebucheintrag vergangen.

Das erste halbe Jahr war hart, sehr hart. Brasilien war noch sehr lebendig und ich habe mich praktisch geweigert, wieder in Deutschland zu leben. Denn morgens aufstehen, Schule und nachmittags im Zimmer liegen um dann abends wieder schlafen zu gehen nenne ich jetzt mal nicht wirklich „leben“. Danach wurde es stetig besser, ich habe wieder begonnen, meinen Platz hier zu suchen und ihn schließlich auch gefunden.

Dann die Rückkehr in den Sommerferien letztes Jahr: Ich hatte Angst, danach wieder in ein Loch zu fallen, Angst davor, dass die Zeit viel zu schnell vorbei sein würde. Doch es waren wunderbare Ferien, auch wenn die Zeit knapp war. Auch wenn sich einige beschweren, von mir nicht genügend beachtet worden zu sein – was sich kaum vermeiden ließ. Es war ein tolles Gefühl, wieder durch „meine“ Straße zu laufen, durch „meinen“ Ort und durch „meine“ Schule. Überall in der Stadt hatte es sich herum gesprochen, dass ich wieder zurückgekehrt war und ich wurde sehr herzlich und brasilianisch begrüßt. Und: Das „ins-Loch-fallen“ danach blieb aus.

Ich habe Freunde hier, seit kurzem Abitur und meinen Platz in Deutschland wieder gefunden. Die brasilianischen CDs beanspruchen schon lange keine 95 % mehr im CD-Regal, auch wenn ich sie ab und zu immer noch ganz gerne höre. Meine Wand ist immer noch voller Fotos von meinem Austauschjahr und sobald ich jemanden Portugiesisch reden höre, freue ich mich wahnsinnig. Ich lebe in Deutschland, aber denke noch häufig an Brasilien – zwei Heimaten zu haben war noch nie sonderlich einfach. Es gibt immer noch Tage an denen ich mich zurück wünsche, aber mindestens genauso viele an denen ich hier glücklich bin. Ab und zu fühle ich mich hier immer noch fremd, aber das liegt wohl nicht nur an Brasilien. 

Besonders die Menschen fehlen mir: Meine Familie und Emerson. Da hat sich wenig geändert seit dem letzten Tagebucheintrag. Mit ihnen habe ich auch den meisten Kontakt. Mit meiner Familie telefoniere ich ca. einmal im Monat und schreibe Briefe, mit Emerson schreibe ich v.a. Emails und telefoniere. Auch der Kontakt zu einigen anderen ist noch vorhanden, wenn auch sehr viel sporadischer. Leider sind auch Kontakte verloren gegangen, die mir wichtig waren. Oft denke ich, ich sollte versuchen sie wieder zu beleben, und traue mich dann doch nicht (aber ein Wiederbelebungsversuch läuft gerade ganz positiv an – mal sehen, wie der sich so entwickelt).

Ich bin oft gefragt worden (sowohl von Brasilianern als auch von Deutschen), ob ich nach dem Abi wieder nach Brasilien zurückgehe. Aber ich werde es nicht tun. Ich will hier studieren und nicht noch ewig Aufnahmeprüfungen an Unis machen, will das Studentenleben hier kennen- und hoffentlich genießen lernen. Ob ich mir die Rückkehr danach vorstellen kann? Vielleicht. Das ist noch so weit hin und kann von so vielen Dingen abhängen. Ich will noch mehr von der Welt kennen lernen als Brasilien (und selbst das ist noch lange nicht ganz erkundet). Ich werde sicherlich zurückkehren – ob für kürzer, länger oder gar für immer kann und will ich heute allerdings noch nicht sagen.

Ich bin immer noch der Meinung, das Austauschjahr hat sich gelohnt und kein Preis ist zu hoch für solche Erfahrungen. Ein Jahr lang ein absolut alltägliches Leben in einem anderen Land zu führen, mit allem was dazugehört – die Chance bekommt man nicht oft. Jeder der die Möglichkeit hat – er soll sie nutzen! Natürlich verändert man sich durch das Jahr (aber doch meist zum Positiven ;-) ), es passiert so viel, was Menschen, die so etwas nicht gemacht haben einfach nicht verstehen, es ist sicher nicht immer einfach.

Aber mit etwas Glück hat man danach eine zweite Heimat, eine zweite Familie, eine zweite Sprache, eine gehörige Portion Selbstbewusstsein und Offenheit mehr und das Wissen, stolz auf sich sein zu können.

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