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Mein Jahr in Brasilien
Juni 2002
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Aus einem Brief vom 2.6.02
Hallo Leute!
Ein ganz großes Desculpa!- Entschuldigung,
dass ihr hier so lang schon nichts mehr von mir gehört habt.
Es ist verdammt viel passiert, aber ohne PC ist
es schwierig, das alles aufzuschreiben und zu schicken. Jetzt hab ich mich
aber mal hingesetzt und werde das Wichtigste zusammenfassen, was so passiert
ist. Werde das dann Mama schicken (mit der Post) und die Arme darf
das dann abtippen und den Computer damit füttern. Einen ganz großen
Dank an sie!
Diese Aufgabe hat dankenswerterweise Frani übernommen :-)
Ende März/Anfang April
Ostern in Brasilien: Kein Eierverstecken- und bemalen und keine Schoko-Osterhasen. Dafür Riesenschokoeier, gefüllt mit kleineren Schokoteilen, Spielzeug... Und da gibt’s eben Eier von M&Ms, Twix etc. Die Supermärkte voll von den Eiern, an der Decke hängen sie überall. Sieht toll aus.
Ostern richtig habe ich mit Emerson und dessen
Familie verbracht, bei seinen Großeltern, wo wir (mal wieder) ein
Churrasco gemacht haben. Nicht nur wegen Ostern, es ist auch der Abschied
von Erick und Flávio, die zwei Cousins von Emerson, die morgen Richtung
Italien abfliegen, um dort ihre Mutter zu treffen, zu arbeiten, zu leben.
Komisch irgendwie, denn es ist logisch, dass meine Gedanken wandern – in
3 Monaten bin ich es, die hier steht... Viel Emotionen, aber ein schöner
Tag... Und ich werde Erick ja wohl als Erste wiedersehn – Mailand ist ja
nicht so weit weg von Geiersthal..
Für Emerson und Dê fällt der
Abschied umso schwerer – logisch, Erick und Emerson sind beste Freunde
und Dê und er waren im letzten Monat praktisch zusammen... Ich tue
mein Bestes, um die beiden zu trösten.
Anfang April fing ich an, mich um mein Visum
zu kümmern – das ist ja schließlich nur für zehn Monate
und läuft am 24. Mai ab.
Ich frage meine Koordenatorin Waleska, die aber
von nichts richtig ne Ahnung hat, rufe bei World Study, meiner Organisation
hier, an. Die kennen mich nicht mal und wissen von nix. Uneingelöste
Versprechen, mich aufzurufen. Schließlich sagen sie, dass sie mir
Unterlagen schicken, wo steht, was ich brauche, um mein Visum zu verlängern.
Die kommen ewig nicht an – bis ich entdecke, dass die Mutter von meinem
jetzigen Gastvater, die über uns wohnt, die entgegengenommen hat,
aber nicht auf die Idee gekommen ist, mir den Brief zu geben. Keine Ahnung,
ob sie was gegen mich hat?
Jetzt habe ich immerhin eine Liste der Dokumente,
die ich zur Polívia Federal tragen muss, um die Verlängerung
zu kriegen. Ich besorge sie, nur bei einem weiß ich nicht, was das
ist, rufe bei der World Study an, die schlampen rum, meinen, was aus Deutschland
(was ich aber nicht hab..) und die Tage verstreichen, es ist schon Mai.
World Study sagt, sie wissen nicht, was das für ein Dokument ist.
Mir kommt es so vor, als wollten sie da schon nimmer mit mir sprechen.
Die Zuständigen sind ständig in Telefongesprächen, außer
Haus, Versprechen, mich zurückzurufen, werden nicht eingelöst.
Und ich werde von Tag zu Tag panischer, was ist, wenn ich es nicht schaffe?
Denke den ganzen Tag nur da dran, bin fertig. Dê und Emerson geben
mir Kraft, nicht aufzugeben und weiterzukämpfen.
Wir „lösen“ das so, die Orga in Brasília
schreibt /“erfindet“ dieses Dokument und schicken es nach BH (Belo Horizonte).
Dort holen es Alécio (mein 1. Vater, der freundlicherweise mit mir
nach BH fährt – überhaupt meine 1. Familie hilft total und ist
auch schon besorgt) und ich ab und fahren zur Polícia Federal. Dort
wird uns gesagt, dass die Liste, die wir hatten, die falsche war. Es fehlen
noch Kopien und dieses Dokument von der Organisation reiche nicht. Ich
bräuchte noch Dokumente vom Notar, außerdem, logisch, noch Gebühren
zahlen.
Also fahren wir zurück, ich mach alles,
in Ouro Branco, zahle Gebühren, beglaubtigte Kopien etc. Und wir kehren
ein paar Tage später nach BH zurück (ein riesiges Danke au Alécio,
echt, ein echter Vater!)- inzwischen ist schon die letzte gültige
Woche meines Visums – kommen zur Polícia Federal, die heute entdecken,
dass man mein Visum nicht verlängern kann! Ich bin nahe dran, zusammenzubrechen,
an Ort und Stelle! Das Schlimmste ist, die Typen da können alles mit
dir machen, du hast keine Macht, du kannst gar nix machen.. Immerhin sagt
mir der Typ da, dass ich aber nicht in drei Tagen aus dem Land müsse
– ich kann bleiben, muss aber Strafe zahlen.. Ok, was bleibt mir anderes
übrig? Ich gehe hier jetzt noch nicht weg!! Bin wütend wegen
dem verlorenen Geld, traurig und einfach müde, das alles hat verdammt
viel Kraft gekostet. Und schon dumm, dass dieses Jahr, das so wundervoll,
fantastisch bis jetzt gelaufen ist, mit sowas endet!
Nur das alles nochmal zu schreiben – ich möchte nicht mehr dran denken. Habe meine Zeit hier aber „nur“ um eine Woche verringert. Am 30. Juni werde ich abfliegen, ein Datum, an das ich nicht denken möchte.
Aber logisch, ich hab auch noch andere Sachen gemacht, als Organisationen hinterherzurufen und mich zu ärgern.
Da war z. B. Fußball:
Ich bin absolut fanatischer Cruzeiro-Fan
geworden. Das zweite Mal, dass ich mit Emerson, Gustavo (sein Bruder) und
seinem Vater im Mineráo, dem Fußballstadion in BH, war, war
der absolute Hammer. Halbfinale des Copa Sulminas (Süden des Landes
– Minas Gerais). Und das auch noch gegen Atlético-MG, den zweiten
Verein aus BH – absolute Konkurrenz. Absolutes Adrenalin im Stadion, ich
brülle, schreie kreische, fiebere mit. Wir gewinnen im Elfmeterschießen.
Danach leg ich mir dann auch noch das gefälschte Trikot für RS
(~3,50 €) zu – mit dem geht’s dann zwei Wochen später wieder
ins Mineráo-Finale. Und das war so der absolute Wahnsinn. Das zweitgrößte
Stadion der Welt ist gut gefüllt (75.000 Leute ungefähr) ein
Meer von blau-weiß-alles Cruzeiro Anhänger. Wenn La Ola-Wellen
fünfmal durch diese Menschenmasen laufen, 74.000 ihre Trikots ausziehen
und das Stadtion in ein blau-weißes Meer verwandeln. Ich bin Cruzeiro
verfallen - während dem Spiel gibt es keinen Platz zu sitzen, alles
steht. Wenn alle springen, vibriert die Betonkonstruktion. Leider kommt
es auch zu Schlägereien, aber die Polizei hat das recht schnell unter
Kontrolle... Man muss nur mit jemandem unterwegs sein, der sich auskennt,
dann ist man recht sicher.
A propos Sicherheit: Das Halbfinale war da viel
‚gefährlicher’, weil da die zwei großen Anhängerschaften,
auf der einen Seite Cruzeirenses und auf der anderen Atléticane,
aufeinandertreffen. Wirklich treffen aber nur außerhalb des Geländes,
es ist nämlich alles total getrennt. Verschiedene Zufahrten, verschiedene
Parkplätze, verschiedene Eingänge und, logisch, im Stadion, auch
getrennt. Alles recht organisiert. Nur außerhalb kommts halt wieder
doch zu Randalen, Schlägereien etc.
Zurück zum Finale: wir gewinnen und sind
Bi-Campeão! (da wir letztes Jahr auch schon gewonnen haben)
Mai war irgendwie Monat der Geburtstage und es gab Wochen, in denen ich auf 4(!) Überraschungsfesten war!!
Dann war da noch Volleyball, ‚unsere’ Jungs (das männl. Volleyballteam von unserer Schule; die meisten aus unserer Klassenstufe, dem 3° ano) haben nämlich in BH bei nem Turnier von Schulen mitgespielt. Ein Wochenende sind sie am gleichen Tag hin- und zurückgefahren, da sind wir dann mit, um sie anzufeuern, war das Halbfinale. Trotz unserer Ansterngung, unserem Gekreische und unseren Schhlachtrufen verlieren sie, ganz knapp 2:1 gegen den späteren Sieger, Arquidiocesano de Belo Horizonte (alle Schulen waren aus BH oder Nähe, nur wir waren on etwas weiter...) nach dem Spiel muss ich meinen total fertigen (doch sehr ehrgeizigen) Kapitän des Teams, Emerson, trösten, am Ende werden sie 4. Team von 12. Ganz ordentlich.
Tja, Emerson. Ich bin immer noch total glücklich
mit ihm. Wir verbringen so viel Zeit wie möglich zusammen. Es ist
schwierig, daran zu denken, dass es bald aus ist. Komisch. Und mir gelingt
es nicht, das wirklich zu realisieren. Vielleicht besser so. Dran denken,
an den Tag X, möchte ich nicht.
Wobei es aber auch so ist, dass ich mich auf
der einen Seite schon wieder auf Deutschland freue, auf meine Familie,
meine Freunde. Ich denke wieder mehr an Deutschland, allerdings auf der
anderen Seite muss ich an Emerson denken, an Dê, die mir so wichtig
geworden ist, eine absolut beste Freundin, und meine 1. Familie: Marisa,
Alécio und Lívia. Denn obwohl ich das Haus gewechselt habe
– dort bin ich zu Hause, sie sind eine echte 2. Familie!! Schwierig, aber
das ist der Preis, den jeder Austauschschüler zahlt.. Und, trotz allem,
er ist es wert zu zahlen. Mit Sicherheit!!
Was gibt’s sonst noch?
Wetter
Den ganzen Mai, bis auf die letze Woche war total
heiß, genau wie April, man sucht den Schatten. In der letzten Woche
gabs allerdings Tage, an denen ich fast gestorben bin vor Kälte (ich
bins echt nimmer gewöhnt!) – in die Schule mit nem Top, Pulli, Schul-t-shirt
und Schuljacke!! Ist halt auch so, da die Häuser kalt sind, Heizung
hat hier niemand. Unter 10°C gings aber nur nachts. Jetzt ist es aber
wieder etwas besser geworden.
Schule
Das erste Trimester ist zu Ende und mein Zeugnis
nicht wirklich schlecht (in Bio mit 27/30 Punkten die beste Note
der Klasse!!) und sogar Literatur ist nicht soo schlecht, mit 22/30 – ganz
ordentlich *freu*. Jetzt, im Zweiten werd ich aber kaum mehr was machen,
da ich ja nur noch wenig davon mitkrieg... Werde mich mit anderen Sachen
beschäftigen *g*
Und dann wär da noch:
COPA do MUNDO 2002 – die WM.
Alle sagen mir, dass ich leider gar nicht so
richtig das Feeling mitkriegen würde (wie ’94 oder ’98, wo alle Straßen
gelb-grün waren). Trotzdem – es gibt bemalte Straßen (BH noch
viel mehr), viele Häuser mit Brasilienflaggen, Straßen mit gelb-grünen
Girlanden, die Läden auch so. Alle verkaufen T-Shirts und Hüte,
Tröten..
In der Werbung haben ca. 4/5 mit Fußball
zu tun...
Morgen, sechs Uhr, ist unser erstes Spiel und
die Schule fängt später an, damit wir das Spiel sehen können...
Die Uhrzeiten sind echt bescheuert. Aber was
soll man machen, ne? .. Brasilien ist ja in Wirklichkeit auch nicht so
richtig gut zur Zeit – aber wer weiß, vielleicht klappts ja doch
und wir kommen weit.
Die beliebteste Frage – für wen bist du
bei der WM?
- und die Antwort: Ganz klar: Für Brasilien
und für Deutschland. Das dürfte auch einfach sein – die beiden
können nur im Finale aufeinander treffen.. und da ist es für
Deutschland noch unwahrscheinlicher hinzukommen, als für Brasilien
:-)
- Aber egal. Vamos Brasil, Vamos Alemanha!
Das wars. Hoffe ich habe nix Wichtiges vergessen.
Wenn ja, kommts einfach noch. Meine Hand tut
mir vom Schreiben weh..
Machts gut – und ich hab euch nicht vergessen!
Bis bald (mit einem lachenden und einem weinen Auge)!
Eure Kathi
Geiersthal, 5.7.02
Hallo!
gut, jetzt gibts ja doch noch einiges zu berichten..
erstmal: ich entschuldige mich ganz ofiziell
fuer das nicht wirklich vorhanden gewesene Vertrauen in die dt. Nationalmannschaft..
sie habens ja dann doch bis ins Finale geschafft..
Sehr nett war, das mich die Schulleitung auch immer die Deutschlandspiele hat anschauen lassen. Das Halbfinale hat dann die ganze Schule mit mir angeschaut.. (obwohl nicht alle mit mir fuer Deutschland waren.)
Dann die Brasilienspiele:
Von Spiel zu Spiel steigerte sich die Begeisterung, wir fingen an die Spiele
im Haus von Natalia Jael anzuschauhen. Anfangs waren wir so 14 Leute. Bei
den naechsten warens dann schon 25.. alle im Wohnzimmer (das nicht soo
gross ist), alle mit Troeten, Flaggen, Trikots (den gefaelschten logischerweise)
und sonstigen gelb-gruenen Artikeln ausgestattet.
Bei jedem Tor gabs Kracher auf der Strasse (egal
ob das Spiel jetzt 3 Uhr oder 8.30 Uhr morgens ist). Wenn Brasilien dann
gewonnen hat, gings auf die Strasse, da wurde dann noch bis Stunden danach
gefeiert. Mit viel Menschen auf der Strasse, auf Autos, tanzend, springend,
lachend - und wie immer das alles mit viel Musik. Das war schon was ganz
besonderes das so mitzuerleben und echt in der Mitte von allem zu sein.
Angeblich war die Fussballbegeisterung dieses
Jahr in Deutschland ja auch aussergewoehnlich - aber ganz ehrlich - ich
bezweifle das sie an die in Brasilien nur etwas rankommt. Denn, ich war
ja noch dazu in einer Kleinstadt. Wie das in den Metropolen abging hat
man ja sogar hier vielleicht im Fernsehen gesehen.
Dann trat also das unvermeidbare ein: Brasilien
gegen Deutschland im Finale. Mein Tipp vor dem Spiel: 1:0 oder 2:1
fuer Brasilien.. fast.
Obwohl ich das Spiel mit umgebundener Brasilienflagge
inmitten von lauter Brasilianern ansah, merkte ich dann anfangs doch das
ich mehr fuer Deutschland fieberte.. Alle Brasilianer waren vor dem Spiel
recht siegessicher, in der 1. Halbzeit konnte man dann aber doch auch einige
recht angespannte und nervoese Gesichtsausdruecke beobachten.. nach dem
1. Tor war dann aber alles aus. Fest. Sie haben nicht mehr aufgehoert zu
springen, zu lachen, zu schreien und zu tanzen. Und nach dem 2. Tor hab
ich mitgemacht - ich konnte schliesslich nicht verlieren, sind doch beide
Laender meine Laender. Danach gings -wie immer- in die Avenida,
wo es die ueblichen Autoschlangenhupparaden mit rausgehaengten Fahnen,
gelb-gruenen Luftballons usw. gab. Nur dieses Mal noch laenger und mehr
als sonst. Logisch. Der heissersehnte Penta (5. Weltmeistertitel) war endlich
erreicht.
Fuer mich reichts leider nicht wirklich zum Feiern,
mein Flug geht um 13.30 Uhr von BH weg.. Endziel: Muenchen. Dazu aber spaeter.
Es ist ja noch mehr passiert!
Es ist Zeit der Festas Juninas. Das sind
"Winter"feste zu Ehren von St. Antonio und noch 2 anderen Heiligen die
ich jetzt aber nicht mehr weiss. Normalerweise mit grossen Feuern, alles
mit Schleifen und Baendern dekoriert und es gibt traditionelle Essen und
Getraenke wie z. B.:
-Quentao (heisser cachaca = schnaps mit tee,
ingwer, zimt und anderen gewuerzen und zucker)
-Canjica (eine Art weisser Mais, der dann in
Milch gekocht und in dieser auch serviert wird, auch mit drin: Zimt, Erdnuesse)
-Canjiquinha (eine Art Eintopf aus ner Getreideart
mit Huhn und Gewuerzen)
-caldo de feijao/mandioca (Suppe aus Feijao =
rote Bohnen / Maniok)
Die Musik dieser Feste ist Forró, etwas
auch Sertanejo (also brasilianische Countrymusik).
Es gibt auch einen traditionellen Tanz, die Quadrillha,
die von vielen Paaren in traditioneller Quadrillhakleidung getanzt wird.
Diese besteht fuer die Maedchen aus bunten Kleidern, oft mit Schuerzen,
Rueschen, dazu Zoepfe und fuer die Jungs aus Flickenjeans, karierten Hemden
und Strohhueten.
Alle Paare stellen sich dann hintereinander auf
und es gibt 50.000 Bilder und Figuren (von der einstuerzenden Bruecke,
dem Tunnel bis hin zum Schneckenhaus.. - diese Stichworte werden dann gerufen
und von allen ausgefuehrt).
Ich weiss das jetzt so genau, weil unser 3. ano,
also das Abschlussjahr dazu "verdonnert" wurde, auf dem Festa Junina unserer
Schule zu tanzen. Es war dann aber sehr sehr sehr lustig und auch ein grosser
Erfolg. Schon das Einueben hat mich oft in Lachanfaelle ausbrechen lassen,
am Tag X hat dann aber alles geklappt und Emerson hat mit mir das ganze
sogar angefuehrt. Und Fehler haben wir auch keinen reingebracht *furchtbarstolzsei*.
Das Kleid hatte ich ausgeliehen, ich sah vielleicht
etwas bescheuert aus (allerdings, wer nicht?) aber doch irgendwie ganz
suess.. Meine Mami war begeistert.
A propos Mami: Die letzten 3 Wochen verbrachte ich dann wieder bei meiner 1. Gastfamilie, um mich zu verabschieden und es auch einfach nochmal zu geniessen - mit der hatte ich mich einfach doch viel viel besser verstanden. Das ist eben meine richtige Familie!
Und dann fing auch so langsam schon das grosse
Abschiednehmen an. Es war nie leicht. Aber einige Abschiede
fielen doch besonders schwer. Logisch. Es gab Essen (bei den Grosseltern
von Emerson z. B.), kleinere Zusammenkuenfte und natuerlich auch ein groesseres
Abschiedsfest. groesseres ist ein netter Ausdruck - es kamen so um die
70 Leute... War total lieb, jeder ist gekommen.. alles war auch ganz schoen
hergerichtet, wir hatten den Nachmittag 100 gelb-gruene Luftballons aufgeblasen,
meine Mutter ihr beruehmtes caldo de feijao und canjica gemacht (in absoluten
riesentoepfen die wir noch bei ner Nachbarin ausgeliehen hatten).. Das
ganze funktioniert aber natuerlich auch nur, weil jeder was mitnimmt: wie
immer - Maedchen salgados (also fritierte, normalerweise gefuellte Teigteilchen
oder im Ofen gebackene Teilchen) und Jungs Refri (also 2L Cola, Fanta,
Guaraná etc.).
Hier hab ich dann auch noch von meinen Freunden
ein ganz liebes Abschiedsgeschenk ueberreicht bekommen: ein von ihnen gemachtes
Abschiedsvideo. Es flossen noch einige Traenen an diesem Abend..
Naechster Tag, der Samstag, letzter "richtiger"
Tag in Brasilien.
Ich besuche nochmal meine engsten Freunde: Dê,
Bruno, Nara.. Danach gehts noch zu Emerson, wo ich dann noch ausgiebig
bleib (so bis nach Mitternacht irgendwann), zum letzten Mal den im ganzen
Ort beruehmten Batatao (gefuellte Riesenkartoffel) seiner Mutter esse und
mich von der ganzen Familie verabschiede. Sie waren auch eine Familie fuer
mich hier. Und werden es immer bleiben. Ich werde Vitor (3) vermissen,
den ich immer unter dem Kuechentisch suchen musste, Gustavo (12) und die
Eltern.. von ihm nicht zu sprechen. Aber wir sehn uns ja nochmal. Trotzdem
wird wieder geheult. Wir beide in seinem Zimmer sitzen auf dem Bett und
es geht einfach los. Zusammen wird Rotz und Wasser geheult. Klar wussten
wir das alles.. aber jetzt ist es doch so anders. Der Abschied auf einmal
so nah.
Mein letzter Tag:
Nach dem schon oben beschriebenen Finale gings
also direkt zum Flughafen: Mama, Lívia und Emerson an meiner Seite.
Ohne Probleme kommen in wir BH Pampulha an. Schon komisch. Ich zittere
und bin nervoes. Checke die Koffer ein. Glueck gehabt - meine 2 Koffer
wiegen zusammen 56 kg und sind somit kein Uebergepaeck. Jetzt noch warten.
Und die Zeit vergeht viel zu schnell. Ich bin die letzte die durch die
Barriere geht, ein letzter Blick. Alle weinen.. Steige ins Flugzeug und
verlasse meine Heimat. Den Flug bis nach Sao Paulo sitze ich am Fenster,
sehe nach unten, die Berge unter mir vorbeiziehen und Traenen laufen mir
ueber die Wangen..
In Sao Paulo hole ich mein ganzes Gepaeck wieder ab und suche den Schalter von der Iberia. Dort angekommen sagen die mir erstmal das der Check in ja schon fast vorbei sei, was mich etwas wundert, da es noch 14.50 Uhr ist und mein Flug erst um 16.45 gehen soll. Aber da frag ich gar nicht, es kommt naemlich der naechste Schock: die verlangen eine Gebuehr von 84 Reais.. ich habe nur noch 50!!! Was jetzt? - Geldautomaten suchen. Und zwar einen der visa international auch annimmt. Und das gestaltet sich als nicht sonderlich einfach. Jetzt hetzt also Kathi durch den Flughafen (Bemerkung: dieser ist nicht wirklich klein und die Automaten ziemlich genau am anderen Ende..) fragt hundert Personen, versucht die ersten Automaten - nichts. angeblich soll der von der banco do brasil visa nehmen. der ist der schwierigste zu finden (logisch!!) aber ich schaff es dann doch. Von den 5 Automaten steht auf einem das es geht.. tja. steht da. geht aber nicht. ich gerate in Panik. Und die Zeit rast.. und ich hab keine Idee was ich jetzt mache!! Frag Leute ob die ne andere Moeglichkeit wissen.. nix. Da seh ich 2 Frauen die mit mir aus BH gekommen sind und mit der einen hatte meine Mutter sich schon unterhalten noch am Flughafen und von mir erzaehlt. Die frag ich ob sie vielleicht wuessten wie ich an dieses Geld kaeme. Sie ziehen den Geldbeutel und geben mir die fehlenden 35 Reais. Einfach so. Ich will die Adresse um ihnen das Geld zurueckzuschicken. Sie geben sie mir nicht und meinen nur: Lauf, damit du den Flug noch kriegt. Und viel Glueck.. fuer mich waren sie 2 Engel. Die groessten Engel die in diesem Moment haetten erscheinen koennen.. ich komme zum Schalter: die eine sagt das Flugzeug waer schon zu. Ich, voellig verzweifelt bitte und bettel sie soll es doch versuchen. Ne andere sagt dann sie bringt mich hin. Wir eilien durch die Passkontrolle und hinter mir schliesst sich die Flugzeugttuer. 3 Engel die ich in Sao Paulo getroffen habe.. (die 2 aus BH und das Maedchen von der Iberia). Ich bin so froh als ich endlich auf meinem Platz sitze!!!
Im Flugzeug treffe ich dann auf Katharina wieder,
die auch in BH Austausch gemacht hat und mit der ich schon hergeflogen
bin. Lustig. Wir ratschen und bemitleiden uns etwas. Keiner von uns ist
wirklich gluecklich zurueckzukehren.
Morgens um 6 kommen wir in Madrid an. Nieselregen
und 14 Grad. Bäääh!
Madrid ist ein Riesenflughafen, aber jetzt mit
mehr Zeit finde ich ohne Probleme alles. Um 10.30 betrete ich das Flugzeug
nach Muenchen..
Das ist jetzt nochmal ein schlimmererer Flug - ich fuehle mich so verloren und so zwischen den Welten. Noch nicht in meinem deutschen Leben und nicht mehr in meinem brasilianischen.. Hoere Deutsch in den Ansagen und denke mir nur: ich will kein deutsch sprechen, kein deutsch hoeren.
München
Ankunft
Um ca. 13 Uhr betrete ich deutschen Boden, hole
meine Koffer ab und vor der Barriere warten Mama, Papa, Ruta, Frani, Moritz,
Mary, Leli und Vroni. Mit Plakaten und Blumen. Die letzten 3 waren ne echte
Ueberraschung und haben mich total gefreut. Jetzt ist es gar nimmer so
schlimm.. bald gehts nach Hause.
Mir kommt es vor als haette sich gar nichts veraendert. Manchmal, als waere das alles nur ein Traum gewesen. Fotos und die Sprache in meinem Kopf alles was mir geblieben ist.. und auf der anderen Seite, wenn ich die Fotos seh kommt es mir viel naeher vor, als ob ich bald zurueckkehren wuerde. Komisch.
Wieder hier..
Ich gebe ein Interview
fuer die Regionalpresse, und mein 1. richtiger Tag begruesst mich mit
echt deutschem Regen.. na gut, wenigstens Zeit meine Koffer auszupacken.
Der 1. Schultag wieder. Furchtbar. Ich
vermisse die Waerme, die Herzlichkeit der Brasilianer so. Alles so steril,
alles so kalt. Fuehle mich so verloren und fehl am Platz. Meine Freunde
versuchen alles und koennen doch nichts wirklich tun. Sie tun mir ja leid,
sie hatten mich so sehnlich herbeigewuenscht und jetzt kann ich einfach
nicht so gluecklich sein wie sie.
Der 2. Tag wird schon besser. Langsam werde ich
mich wieder eingewoehnen. Langsam. Jetzt ist das noch alles viel zu frisch.
Brasilien ist noch zu sehr in meinem Kopf. Ich fasse das alles noch gar
nicht so richtig. Und es wird noch etwas dauern bis sich das aendert.
Ich habe schon mit Emerson telefoniert. War so
als waer er ganz nah. Und doch so fern. Das wird noch schwieriger werden
und noch einige Traenen kosten. Wir wussten es ja. Und wollten es trotzdem.
Denn wie mit allem was passiert ist gilt: Es
hat sich mehr als gelohnt. Dieses Jahr war das allerbeste was ich je in
meinem Leben gemacht habe. Und egal was danach ist, die Zerissenheit und
Unsicherheit, nichts, kein Preis ist zu hoch fuer dieses Jahr.
Das will ich allen sagen die nur daran denken
so ein Jahr im Ausland zu verbringen - Macht es! Diese Chance habt ihr
nicht oft im Leben.
Damit beende ich mein Tagebuch hier. Werde es
vermissen.
Sehr gerne stehe ich zur Beantwortung von Fragen
zur Verfügung, zu Brasilien oder zu Austausch allgemein. Schreibt
doch einfach. Ich schreib bestimmt zurueck.
Danke fuer das Feedback das ich immer wieder bekam, danke an meine Familie die die Fotos gescant und die Berichte abgetippt oder formatiert haben, als ich nicht hier war. Danke an alle, die mir das Jahr ueber geschrieben haben. Und danke an alle in Brasilien, die mir ein 2. Heimatland gegeben haben, eine echte Heimat, mit Familie und Freunden. Danke.
mil beijos (1000 Kuesse)
Eure Kathi (die in Brasilien "catch" geworden
ist..)