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Mein Jahr in Brasilien
ein Tagebuch

 

Gleich am 2. Tag kam ein Reporter der örtlichen Presse vorbei (Passauer Neue Presse) um mich v. a. über die WM in Brasilien auszufragen.
Und am 3. Tag (3. Juli 2002) stands schon mit Riesenbericht in der Zeitung und so weiß wirklich jeder das ich wieder da bin. :-)

Im Kreise ihrer brasilianischen Freunde feierte Kathi Holzapfel aus Geiersthal die Siege der „Selecao", wie hier nach dem Halbfinale gegen die Türkei (linkes Bild). Als Souvenir hat die Gymnasiastin unter anderem auch eine Nationalflagge des südamerikanischen Landes mitgebracht. (Fotos: Privat/Hausladen)
 

Von Oliver Hausladen

Geiersthal/Ouro Branco.

„So eine Euphorie habe ich in Deutschland noch nicht erlebt". Kathi Holzapfel (17) aus Geiersthal verbrachte die vergangenen elfeinhalb Monate bei einer brasilianischen Gastfamilie in Ouro Branco in der Nähe der Metropole Belo Horizonte. Neben ihrer Begeisterung für Land und Leute hat die Gymnasiastin auch der Fußballenthusiasmus im Land des neuen Weltmeisters beeindruckt.

„Ich wollte schon immer einen Austausch machen, aber nicht in die USA, wo so viele hingehen", erzählt Kathi Holzapfel nach ihrer Rückkehr am Montag. Sie hatte sich für Brasilien entschieden, wo sie bei einer Gastfamilie in der Kleinstadt Ouro Branco im Landesinneren wohnte und dort auch die Schule besuchte.

Die Schülerin ist von ihrem Aufenthalt in Südamerika begeistert, besonders hat es ihr die Offenheit der Menschen dort angetan. Die Unterschiede im sozialen Leben hielten sich in Grenzen. „Es kann zwar passieren, dass herrenlose Kühe auf der Straße rumlaufen, aber sonst kommt man schon zurecht", meint sie. Einen weiteren Vorteil hat sie aus ihrem Aufenthalt gezogen: Kathi kann nun fließend Portugiesisch, vor dem Abflug sprach sie kaum ein Wort. Heimweh hatte sie nur ein einziges Mal, an Weihnachten.

Beeindruckt hat die 17-Jährige die Euphorie während der Weltmeisterschaften in Japan und Südkorea. „Es gab eigentlich keinen, der sich die Spiele der Selecao nicht angeschaut hat", berichtet die Schülerin, die am Montagnachmittag wieder zurück nach Geiersthal kam. In größeren oder kleineren Gruppen versammelten sich Brasilianerinnen und Brasilianer vor den Fernsehgeräten und drückten ihren Ballkünstlern die Daumen. Nebenbei boomte auch das Geschäft mit den Fanartikeln: „Es gibt eigentlich alles - von Fahnen und Trikots bis hin zu Ohrringen, Schlafanzügen und Unterwäsche", erzählt Kathi Holzapfel. Wobei aber fast niemand das etwa 90 Euro teuere Originaltrikotbesitze, die meisten würden etwa drei Euro teure Imitate kaufen oder auf ältere Modelle des gelb-grünen Shirts zurückgreifen.

Die junge Deutsche hat die Spiele meist bei einer Freundin gesehen, mit etwa 25 anderen Leuten in einem engen Raum. „In Brasilien sieht sich niemand die Spiele alleine an. In den Großstädten gibt es riesige Leinwände, in kleineren Orten geht man halt zum Nachbarn mit dem größten Fernseher", erzählt sie. Spätestens ab dem Viertelfinale gegen England ging in Brasilien außer Fußball nichts mehr: Für die Menschen zählte nur noch die Weltmeisterschaft.

Die Anfeuerung für die Selecao war weithin sichtbar: An vielen Häusern hingen Fahnen, die Nationalflagge wurde auf die Straße gemalt, selbst das Klassenzimmer von Kathi war gelb-grün dekoriert. „So was könnte ich mir bei uns echt nicht vorstellen", meint die 17-Jährige. Bei den Spielen der Brasilianer gab es zudem immer schulfrei.

Die sieben Siege der Mannschaft um Ronaldo wurden ausgiebig gefeiert, auch wenn die Spiele nach brasilianischer Zeit zwischen drei und acht Uhr morgens angepfiffen wurden. „Wir haben uns einmal um Mitternacht getroffen, das Spiel um drei Uhr angesehen und dann halt durchgefeiert", erzählt Kathi Holzapfel. Aber nicht nur die heimische Mannschaft lieferte Grund zur Freude: Auch das Ausscheiden der Rivalen aus Argentinien wurde live gesehen und freudig bejubelt.

In einen kleinen Gewissenskonflikt kam die deutsche Austauschschülerin am Sonntag während des Finales: „Trotz der brasilianischen Flagge, die ich mir umgebunden hatte, merkte ich doch, dass ich anfangs eher für Deutschland war", berichtet sie. Ihre Freunde hätten die erste Hälfte relativ angespannt beobachtet, „obwohl sie anfangs sehr siegessicher waren".

Nach Ronaldos 1:0 kannte die Freude aber keine Grenzen mehr: „Bei den Jubelsprüngen gingen einige Lampen zu Bruch", erzählt Kathi Holzapfel. Außerdem rannten einige Zuschauer auf die Straße und zündeten Knaller, wie immer nach brasilianischen Toren. Nach dem Schlusspfiff versammelten sich die Bewohner der Kleinstadt auf der Straße und feierten, wie auch in allen anderen Landesteilen, den fünften Titel. „Das Gute für mich war, dass ich eigentlich im Finale nicht verlieren konnte. Ich hab mich halt dann für Brasilien gefreut", sagt die Austauschschülerin.

Im kommenden Schuljahr wird Kathi Holzapfel wieder ganz auf das Linprun-Gymnasium in Viechtach gehen und, so hofft sie, in zwei Jahren das Abitur machen. „Danach will ich aber unbedingt noch einmal für ein paar Monate zurück nach Brasilien, das Land ist einfach toll", schwärmt sie.


PNP, 3. Juli 2002

Brasilien 01/02